0421 700190 wsbre@web.de

Im Schatten der Schwebefähre

Im Schatten der Schwebefähre – Hintergrund zum Roman
Wenn ein guter Krimiautor tief in die Psyche des Mörders eindringt, wird niemand von ihm erwarten, dass er die Morde, die er beschreibt, zuvor auch begeht. Bei einem Roman, der das Thema Sucht aufgreift, ist die Erwartung der Leser ganz offensichtlich anders:
Immer wieder nehmen mich nach Lesungen Menschen mitfühlend in den Arm, um mich über den frühen Tod meines Vaters und meine schreckliche Kindheit hinweg zu trösten und sogar innerhalb der Familie wurde ich gefragt: Wer war denn eigentlich dieser Onkel Paul, der deinen Vater an den Schnaps gebracht hat?
Ganz offensichtlich ist es mir in meinem ersten Roman gelungen, in den Köpfen der Hörer Menschen lebendig werden zu lassen, deren Biografie überzeugt.
(Rezension auf lovelybooks: – Authentisch, schonungslos und literarisch überaus wertvoll!)
Als Leser liebe ich solche Bücher, als Autor verlangen sie eine Erklärung:
Ich selbst erinnere mich an eine ziemlich schöne Kindheit an der Oste, wo meinem Vater ein langes Leben vergönnt war. Einen Onkel Paul, den unbelehrbaren Nazi, hat es für mich zum Glück nicht gegeben. Aber im Nachkriegsdeutschland gab es viele Onkel Pauls – in Osten genauso wie in allen anderen Dörfern und Städten.
Ich habe einen Roman geschrieben. Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden, was allerdings keinesfalls ausschließt, dass es an manchen Stellen Ähnlichkeiten/Übereinstimmungen zu noch lebenden oder leider schon verstorbenen Menschen gibt.
Natürlich fließt auch eigenes Erleben in den Roman ein – gerade die jungen Jahre, das dörfliche Nachkriegsgeschehen, der sorglose Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen. Die Botschaft des Romans an junge Menschen (Stichwort: Komasaufen): Eine einmal erworbene Sucht begleitet dich ein Leben lang. Es muss nicht zwangsläufig in der Katastrophe enden – es gibt Wege – aber dein Leben wird mit Sicherheit sehr viel aufwendiger. Eine einmal erworbene Sucht liegt zeitlebens auf der Lauer.
In der vorliegenden Literatur zum Thema fällt mir persönlich als positives Beispiel immer nur Falladas Roman „Der Trinker“ aus dem Jahr 1944 ein. Viele Menschen kennen die Verfilmung mit Harald Juhnke in der Hauptrolle. Der Roman ist als Psychogramm eines Trinkers angelegt. Damit ist er ein zeitloses Dokument. Allerdings hat mich immer der hoffnungslose Ausgang gestört. Das wollte ich gerne ändern. Ich mag keine Hoffnungslosigkeit.
Ansonsten wird das Thema tatsächlich von mehr oder weniger prominenter Seite überwiegend autobiografisch abgehandelt, oft eine Aneinanderreihung mehr oder weniger würdeloser Ereignisse und nicht selten mit einer fatalen Botschaft für junge Menschen, die einen problematischen Umgang mit Alkohol oder Drogen haben. Ich war süchtig lautet oft die verkündete Botschaft. Ich war. Als habe Sucht eine Vergangenheitsform. Als könne man eine einmal erworbene Sucht wie einen alten Rucksack wieder absetzen.
Mich persönlich interessiert nicht, wann wer mit wem auf welcher Party im Koma lag. Mich interessiert der psychologische Hintergrund süchtigen Verhaltens. Der Selbstbetrug. Die Hochstapelei. Die Scham. Die Angst vor Entdeckung. Mich interessiert der Zusammenhang zwischen Sucht und Angst.

– Dieses Buch hat mich so sehr gefesselt, dass ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte ( 5-Sterne Rezension auf lovelybooks)
Für mich ist der gesellschaftliche Umgang mit Süchten ein wenig scheinheilig. Überall dort wo Sucht geschäftlichen Interessen dient, – ich nenne hier die weitverbreitete handysucht – wird sie bedenkenlos gefördert und als kürzlich Suchtforscher ein Verbot von Spielautomaten in Gaststätten forderten, gab es einen lauten Aufschrei: Die Automaten seien ein wirtschaftliches Standbein der Gastwirte.
Der Unterschied: Bei den unerwünschten Süchten – Alkohol, Drogen – zeigt man auch heute noch gerne mit dem Finger auf die Kranken. Sie eignen sich besonders gut für einen Vergleich. Sie eignen sich gut dafür, dass eigene Leben aufzuwerten.
Bei der Immer-mehr-Sucht zeigt man dagegen mit dem Finger auf die, die dem Wahnsinn nicht bedingungslos folgen.
“Die Angst wohnt in den Adjektiven” heißt es in meinem Roman – in einer Welt, in der nur mehr, schöner, besser… vor allem aber mächtiger zählt.

Ich wohne seit 35 Jahren in Bremen und wenn ich an der Weser spazieren gehe, ist es manchmal für mich, als ob sich ein Kreis schließt, wenn ich betrunkene Jugendliche oder Kinder vom Deich rollen sehe. Das war in meiner Kindheit an der Oste bei besonderen Anlässen nicht anders. Man nahm es damals eher lustig, während man sich heute über die komasaufende Jugend empört.
Alkohol gehörte zum Alltag im Dorf und das war damals in keinem Dorf anders. Der Zeitgeist war ein anderer. In der Stadt war es vielleicht weniger offensichtlich. Heimlicher. Man kennt den Nachbarn nicht. Es geht niemanden etwas an, was hinter dem Gartenzaun passiert. Lange Zeit galt das auch am Arbeitsplatz. Alkohol am Arbeitsplatz ist heute ein offizielles Tabu. Aber hat sich wirklich etwas verändert? Ich erinnere mich gut: Wenn bei uns früher ein Handwerker nötig war, war die erste Frage meiner Mutter jedes Mal: ist genug Bier im Haus. Ich erinnere mich gut: Beim Abräumen einer Großbaustelle bei mir im Haus vor ein paar Jahren, blieb eine Mülltonne voller Flachmänner zurück.
Ich freue mich, die Aktionswoche Alkohol 2015 mit drei Lesungen in Bremen, Bremervörde und Delmenhorst zu unterstützen.

Als ehemaliger Sonderschullehrer komme ich auch gerne zu Ihnen in die Schulen. Sprechen Sie mich an.

Anfragen für Lesungen unter wsbre@web.de oder 0421/700190

 b1 b2 b3

Cover_light_Schwebefähre_26400_0

Wilfried Stüven: Im Schatten der Schwebefähre

Südwestbuch-Verlag 2015

ISBN: 978-3-944264-87-5

 

Hier geht es zu der Verlagsseite:

 

http://www.swb-verlag.de/verlag/buecher/im-schatten-der-schwebefaehre 

http://www.swb-verlag.de/verlag/autoren/wilfried-stueven

Angst und Liebe, Suche und Sucht sind die Themen des vorliegenden Romans, der 1949 seinen Ausgang in dem kleinen Dorf Osten an der Oste nimmt. Als Sohn des Kriegsheimkehrers Hermann Wüst und seiner aus Schlesien geflohenen Frau Martha, die beide nach den schrecklichen Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht an der Niederelbe die Rückkehr in ein menschliches Leben suchen, erblickt Johannes das Licht der Welt.

Zwei mächtige Bauwerke – eine gewaltige Kirche und das den Fluss überspannende stählerne Gerüst der Schwebefähre – prägen das Bild des kleinen Ortes, in dem Johannes in dörflicher Enge seine Kindheit verlebt.

Während die Glaubenssätze des Pastors dem kindlichen Denken keinen Spielraum lassen, unterliegen die in der Schule gelehrten Wahrheiten durchaus dem Zeitgeist, und ein scherzhaft vorgetragener Satz des Lehrers sorgt auf dem Schulhof immer wieder für handfeste Auseinandersetzungen: In Osten geht die Sonne auf….

Die Nächte des Vaters werden nach den Kriegsjahren von quälenden Albträumen beschwert. Am Tag stürzt er sich unermüdlich in seine Arbeit als Kohlenträger, um die kleine Familie durchzubringen. Die materielle Not kann die aufblühende Liebe zwischen den jungen Eheleuten nicht verdrängen und wenn Herrmann am Ende der Woche die karg gefüllte Lohntüte nachhause bringt, vergisst er niemals, voller Stolz eine Mark in die Spardose seines Sohnes zu werfen, weil es Johannes einmal besser gehen soll.

Das kleine Glück wird jäh unterbrochen, als unerwartet Paul, ein vorgesetzter Kriegskamerad und unbelehrbarer Nazi, mit einer Flasche Schnaps vor der Tür steht. Regelmäßig kommt es in den folgenden Monaten zu exzessiven Besäufnissen. An blinden Gehorsam gewöhnt, schafft es Herrmann trotz aller Vorsätze nicht, sich gegen Paul durchzusetzen und sich für die Liebe zu seiner Familie zu entscheiden. Unaufhaltsam verfällt er dem Alkohol, der zunächst vermeintlich seine Nächte ein wenig beruhigt, aber schon bald den Alltag der Familie bestimmt und mit Angst ausfüllt.

Einmal dem Alkohol hörig geworden, bleibt er Herrmanns ständiger Begleiter, auch als Paul längst wieder verschwunden ist. Der kleine Johannes durchlebt eine Kindheit voller Angst vor der Unberechenbarkeit des alkoholkranken Vaters, die ihren Höhepunkt bei der Flutkatastrophe 1962 findet.

Martha zieht wenige Monate später mit ihren Kindern in ein Dorf auf der Geest. Nur die Oste, die hier nur ein schmaler Fluss ist, über den ein alter Fährmann eine Prahmfähre zieht, tröstet Johannes. Die Mutter aber sieht voller Sorge, dass ihr Sohn immer häufiger angetrunken nachhause kommt und beschwört ihn eindringlich, seinem Vater nicht nachzufolgen. Zur Jahreswende 1962/63 aber kommt es fast zur Katastrophe….

Immer tiefer gerät Johannes in den folgenden Jahren in den verhängnisvollen Kreislauf der Sucht und es soll bis ins neue Jahrtausend dauern, bis Johannes einen einzigartigen Weg zurück ins Leben und zur Liebe findet.

Der Roman bewegt sich im Spannungsbogen zwischen dramatischem Einzelschicksal (Psychogramm von Johannes, dem Säufer) und gleichzeitiger Betrachtung einer zunehmend süchtigen Gesellschaft (Soziogramm der Immer-mehr-Menschen). Auch berücksichtigt er die angsteinflößende Wirkung der Sprache (Die Angst wohnt in den Adjektiven.) in einer Welt, in der nur höher, weiter und besser zählt.

Den ersten Vollrausch erlebt Johannes in einer Zeit, in der das Wort „Komasaufen“ noch keine Bedeutung hatte. Der damit beginnende jahrelange Abstieg ist jedoch bedrückend zeitgemäß. Ungeschminkt und beklemmend werden die würdelosen Abgründe der Sucht zwischen Selbstbetrug und Lügen, zwischen Hochstapelei und Angst vor Entdeckung, zwischen Verzweiflung und Scham aufgezeigt.

Der Roman „Im Schatten der Schwebefähre“ endet nicht in der Ausweglosigkeit. Er beleuchtet den beklemmenden Zusammenhang zwischen Sucht und Angst und ist zugleich ein ermutigendes Zeugnis, die einzigartige Größe in jedem Menschen zu erkennen.

Das Drama wird zu einem modernen Märchen und ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an die Oste und die einzigartige Wattlandschaft zwischen Cuxhaven und Neuwerk.



 

Sehnebel

Wo eben noch Möwen flogen
wo eben noch Kinder tobten
wo eben noch der Strandhafer
im Wind spielte
ist plötzlich dichter Nebel.
Nichts kann ich mehr sehen
und weiß nicht, ob sie noch da sind:
die Möwen
die Kinder
der Strandhafer

Wo eben noch Freude herrschte
wo sich eben noch Heiterkeit ausbreitete
wo eben noch Liebe
mein Begleiter war
ist nur noch tiefe Traurigkeit.
Nichts kann ich mehr fühlen
und ich weiß nicht, ob es sie noch gibt:
die Freude
die Heiterkeit
die Liebe

Johannes in: Im Schatten der Schwebefähre von Wilfried Stüven